... „Dann aber traten in sein Gesichtsfeld die Bilderzählungen des bekannten und bedeutenden flämischen Malers und Holzschneiders Frans Masereel , der seine Bilderfolgen als „Romane in Bildern“, als „Geschichten ohne Worte“ bezeichnete ... Masereels Kunst ist expressiv und zielt auf allgemeine Gültigkeit, nicht auf Konkretes, neigt daher zu Überhöhung und Symbolik. „Wahrgewordene Vision oder visionäre Wahrheit, völlig zur Kunst gewordene Wirklichkeit“, kennzeichnete Stefan Zweig die Arbeiten Masereels. Und bemerkte zu der Folge „Die Stadt“: „Das ist die Stadt von heute, aber nicht eine Stadt, sondern alle Städte, die europäische Metropole des zwanzigsten Jahrhunderts“.
Zweifellos ist „Stadt“ für Johannes Lebek ein zentrales Thema seines Werkes. Doch nähert er sich ihm stets konkret, selbsterfahren, topographisch eindeutig, nachprüfbar und nachvollziehbar, so bereits in seinem ersten Hauptwerk, der Mappe „Straßen und Brücken“ aus dem Jahre 1931, gedruckt in den Werkstätten der Leipziger Akademie, wie auch seine Bilderzählungen „Die Springsteine“ und „Elisabethchen“ und vorher bereits die 2. Fassung der Bilderfolge „Der Lehrling“.
Stadt, das ist für ihn Zeitz, seine Vaterstadt. Nur wenige Blätter widmet er anderen Orten, so Leipzig oder auch Dessau. Sie sind eher peripher in seinem Oeuvre zu nennen. Zeitz jedoch kennt er genau, mit Zeitz fühlt er sich verbunden. Genaue Beobachtung liegt seinen Darstellungen zugrunde. Sie zeichnen Gesehenes nicht sklavisch nach, legen aber auf Klarheit und Wiedererkennbarkeit Wert , vermeiden symbolhafte Überhöhung und Verallgemeinerung. So sind seine Treppenhäuser, Straßenläufe und Plätze, seine Hinterhöfe am Ende glaubhafter und wahrer als Masereels beschwörende und ekstatische Bilder. Hier in Zeitz sind seine ersten Bilderzählungen angesiedelt, die Proletarieralltag ins Bild setzen und daher „Arbeiterleben“ benannt wurden. Hier macht er seine Erfahrungen bei Notstandsarbeiten als Arbeiter beim Kanal- wie beim Straßenbau oder bei der Elsterregulierung, erlebt er die Wandlungen des Stadtbildes und die Veränderungen der sie umgebenden Landschaft, die von den rauchenden Schloten der braunkohlenverarbeitenden Industrie dominiert wird, in der aber auch idyllische Natur zu finden ist mit intensiver Erlebbarkeit der sich wandelnden Jahreszeiten. Das alles wird ihm zum Bilde. Diese Stadt hätte er gewiss nicht verlassen, mit ihr war er verwachsen, hier lebten seine Freunde, hier waren seine Wurzeln, auch die künstlerischen... wenn nicht deutsche Geschichte in unserem Jahrhundert über viereinhalb Jahrzehnte seit Ende des II. Weltkrieges die Geschichte eines geteilten Landes gewesen wäre, dessen östlicher Teil Opfer eines Gesellschaftsexperimentes wurde mit bitteren und leidvollen Erfahrungen, für die symbolisch die Jahre 1953 und 1968 stehen und mit ihnen das Zerbrechen von Hoffnungen.“

Rainer Behrends, Rede über Johannes Lebek und sein Werk.
26.11.1997 Landesvertretung Sachsen – Anhalt in Bonn (Auszug)


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